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Besuch auf Gut Gödelitz Drucken

 

Als Ergebnis der Lesereihe Fragmente der Erinnerung im WS 2009/10 an der Akademie 55plus war bei den Teilnehmern das Bedürfnis entstanden, Gut Gödelitz zu besuchen und die Biografien der noch lebenden Eigentümer kennen zu lernen. Auch das "Darmstädter Echo" vom 29. 07 2010 berichtete darüber.

Gödelitz liegt in der an die Toskana erinnernde Lommatzschen Pflege, im sächsischen Kulturdreieck Dresden - Meißen – Freiberg. Die An­reise erfolgte mit eigenem PKW oder per ICE Frankfurt - Dresden mit Umsteigen in Riesa.

Die Familie Schmidt-Gödelitz wurde 1946 in der sowjetischen Besatzungszone im Zuge der Bodenreform enteignet. „Mami“, wie die Familie ihre Mutter liebevoll nannte, musste mit ihren vier kleinen Kindern fliehen. In einem Güterzug voller Flüchtlinge fuhren sie schließlich Richtung Westen, wo sie im Schwäbischen eine neue Heimat fanden.

Diese Begebenheit hat „Mami“ für ihre Familie aufgeschrieben und sie über ihre Tochter Barbara der Nachbarin Elisabeth Stindl-Nemec anvertraut. Sie hat zusammen mit weiteren zehn Autoren das Buch Fragmente der Erinnerung im Toeche-Mittler-Verlag herausge­bracht. Einige dieser Berichte wurden im Rahmen der Lesereihe besprochen, unter anderem der Beitrag von Axel Schmidt-Gödelitz über das erste Wiedersehen nach der Wende mit seinem Geburts­ort.

Weil für das 160 Hektar große, enteignete Gut 1990 das Prinzip „Rückgabe vor Ent­schädigung“ nicht galt, kauften die Geschwister das verfallene Gut von der Treu­hand zurück. „Mami“, damals 77-jährig, entschloss sich nach herzlicher Aufnahme im Dorf, dort zu leben und das Gut wieder zu bewirtschaften.

Sie war es auch, die ihre Familienmitglieder aufforderte, über Schuld nachzudenken. Ag­gressionen und Kriege könnten immer dann wachsen, wenn Ungleichheit herrsche. Dage­gen müsse etwas getan werden, damit es nicht wieder passiere. Diese Aufforderung war ihr Vermächtnis. Sie starb 91-jährig im Januar 2006.

Was aus Gödelitz inzwischen geworden ist, haben die vierzehn Teilnehmer und Teilnehmerinnen an der Exkursion vom Hausherrn Axel Schmidt-Gödelitz selber erfahren. Er führte sie durch das Gut und berichtete ausführlich und amüsant von der Entwicklung seit 1989. Insbesondere durch sein Engagement wurde Gut Gödelitz nach der Wiedervereinigung zu einem Treff­punkt von Menschen aus beiden Teilen Deutschlands. Durch ihre Erzählungen über Leben und Gelebtes im geteilten Deutschland und die Jahre nach der Einheit wurde vieles ver­ständlicher, kam man sich näher.

Hieraus entstand die Idee, Gut Gödelitz zu einer dauerhaften Stätte der Begegnung von Ost und West zu entwickeln. Die Geschichte des Gutes, seine zentrale Lage, die Ruhe des Ortes und die Schönheit der Landschaft bildeten hierfür geradezu ideale Vorausset­zungen. 1998 wurde das ost-west-forum Gut Gödelitz e.V. gegründet. Der Verein ist überparteilich und als gemeinnützig anerkannt.

Bisher kamen gut 3000 Personen aus den unterschiedlichsten Bereichen zu den öffentli­chen Vorträgen und rund 1500 Personen nahmen an den so genannten Biografie-Runden zwischen Ost- und Westdeutschen teil. Man kam, um zu reden, zuzu­hören, nachzudenken, zu diskutieren, aber auch um sich zu erholen. Zwei Bundespräsidenten waren schon zu Gast, zuletzt Horst Köhler Anfang Mai dieses Jahres. Zusammen mit Bundesminister a.D. Egon Bahr hielt er einen Vortrag zu dem Thema „Wandel durch Bür­gerengagement“. Axel Schmidt-Gödelitz erhielt bei dieser Gelegenheit das Bundes­verdienstkreuz am Bande.

Auch wir gestalteten, moderiert von Axel Schmidt-Gödelitz, eine Biografie-Runde mit den Schwerpunkten Werte-Erhalt und Werte-Vermittlung, Lebenslauf im geteilten Deutsch­land sowie Gedanken zu Gesellschaft heute und morgen. Wir haben dabei viel voneinan­der und übereinander erfahren - Persönliches, Berührendes, Nachdenkliches, Lustiges. Wir waren der Meinung, dass wir uns dafür einsetzen sollten, die Konsequenzen aus unseren Ge­schichten über den Augenblick hinaus für die nachfolgenden Generationen und die Zu­kunft zu bewahren.

Auch in den informellen Runden, zumeist im Freien unter den Schatten spendenden Bäu­men, aber auch bei Tisch, der uns immer auf "herrschaftliche Art" einlud, vertieften sich die Begegnungen. Die Hausherrin, Barbara Wagner, die Schwester von Axel Schmidt-Gödelitz, organisiert nicht nur vortrefflich das gesamte Landgästehaus, sie widmet sich den Gästen stets auch als eine charmante und liebenswerte Gastgeberin.

Das ost-west-forum hat inzwischen bundesweit einen guten Ruf erlangt und gilt als po­litisch engagiert, ohne einer Seite zugerechnet werden zu können. Axel Schmidt-Gödelitz: "Wir leisten uns die bestmöglichen Referenten, obwohl wir nur eine geringe Aufwandsentschädigung zah­len". Nach der anfänglichen Konzentration auf die innerdeutsche Einigung und ihre Folgen in den Biografie-Runden befasst man sich nun zunehmend mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen:

  • Eine Werteakademie für junge Führungseliten ist im Entstehen mit dem Ziel, ein allgemein anerkanntes Wertegewissen in den jungen Führungseliten aus allen ge­sellschaftlichen und beruflichen Bereichen zu verankern.
  • Es wurden weitere Biografie-Runden mit unserem Nachbarn POLEN initiiert und erstmals wurde sogar ein ost-west-forum an einer polnischen Universität abgehalten.
  • Ebenfalls ganz neu, nämlich erst im Herbst 2009 aus der Taufe gehoben, sind die Deutsch-Türkischen Biografie-Gespräche, die nach Gödelitzer Modell in allen Bal­lungsräumen Deutschlands stattfinden sollen. Schirmherrin dieses deutschlandweiten Projekts ist die ehemalige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth. Die türkischen und deutschen ModeratorInnen und Moderatoren werden auf dem Gut ausgebildet werden.

Der Ausflug nach Freiberg in Sachsen, eine von Darmstadts Partnerstädten, bildete den Ab­schluss unseres dreitägigen Aufenthalts. Von der Stadt Freiberg gesponsert, führte uns eine "mi­neralogische Weltreise" durch das Museum Terra Mineralia im Schloß Freudenstein sowie ein großer Rundgang zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Im Dom bewunderten wir vor allem die beiden noch spielbaren Silbermann-Orgeln und die berühmte "Goldene Pforte". Das an­schließende gemeinsame Abendessen im "Ratskeller" am Marktplatz war fröhlich und entspannt.
Angeregt durch den Besuch in Gut Gödelitz werden die Teilnehmer die Themen im Wintersemester 2010/11 an der Akademie 55plus weiterführen.Auch neue Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die sich für die Thematik interessieren, sind herzlich willkommen.

Elisabeth Stindl-Nemec und Ullrich Bendig

> zum Fachbereich "Geschichte, Zeitgeschichte"

Als Ergebnis der Lesereihe Fragmente der Erinnerung im WS 2009/10 an der Akademie 55plus war bei den Teilnehmern das Bedürfnis entstanden, Gut Gödelitz zu besuchen und die Biografien der noch lebenden Eigentümer kennen zu lernen.

Gödelitz liegt in der an die Toskana erinnernde Lommatzschen Pflege, im sächsischen Kulturdreieck Dresden - Meißen – Freiberg. Die An­reise erfolgte mit eigenem PKW oder per ICE Frankfurt - Dresden mit Umsteigen in Riesa.

Die Familie Schmidt-Gödelitz wurde 1946 in der sowjetischen Besatzungszone im Zuge der Bodenreform enteignet. „Mami“, wie die Familie ihre Mutter liebevoll nannte, musste  mit ihren vier kleinen Kindern fliehen.  In einem Güterzug voller Flüchtlinge fuhren sie schließlich Richtung Westen, wo sie im Schwäbischen eine neue Heimat fanden.

Diese Begebenheit hat „Mami“ für ihre Familie aufgeschrieben und sie über ihre Tochter Barbara der Nachbarin Elisabeth Stindl-Nemec anvertraut. Sie hat zusammen mit weiteren zehn Autoren das Buch Fragmente der Erinnerung im Toeche-Mittler-Verlag herausge­bracht. Einige dieser Berichte wurden im Rahmen der Lesereihe besprochen, unter anderem der Beitrag von Axel Schmidt-Gödelitz über das erste Wiedersehen nach der Wende mit seinem Geburts­ort.

Weil für das 160 Hektar große, enteignete Gut 1990 das Prinzip „Rückgabe vor Ent­schädigung“ nicht galt, kauften die Geschwister das verfallene Gut von der Treu­hand zurück. „Mami“, damals 77-jährig, entschloss sich nach herzlicher Aufnahme im Dorf, dort zu leben und das Gut wieder zu bewirtschaften.

Sie war es auch, die ihre Familienmitglieder aufforderte, über Schuld nachzudenken. Ag­gressionen und Kriege könnten immer dann wachsen, wenn Ungleichheit herrsche.  Dage­gen müsse etwas getan werden, damit es nicht wieder passiere. Diese Aufforderung war ihr Vermächtnis. Sie starb 91-jährig im Januar 2006.

Was aus Gödelitz inzwischen geworden ist, haben die vierzehn Teilnehmer und Teilnehmerinnen an der Exkursion vom Hausherrn Axel Schmidt-Gödelitz selber erfahren. Er führte sie durch das Gut und berichtete ausführlich und amüsant von der Entwicklung seit 1989. Insbesondere durch sein Engagement wurde Gut Gödelitz nach der Wiedervereinigung zu einem Treff­punkt von Menschen aus beiden Teilen Deutschlands. Durch ihre Erzählungen über Leben und Gelebtes im geteilten Deutschland und die Jahre nach der Einheit wurde vieles ver­ständlicher, kam man sich näher.

Hieraus entstand die Idee, Gut Gödelitz zu einer dauerhaften Stätte der Begegnung von  Ost und West zu entwickeln. Die Geschichte des Gutes, seine zentrale Lage, die Ruhe des Ortes und die Schönheit der Landschaft bildeten hierfür geradezu ideale Vorausset­zungen. 1998 wurde das ost-west-forum Gut Gödelitz e.V. gegründet. Der Verein ist überparteilich und als gemeinnützig anerkannt.

Bisher kamen gut 3000 Personen aus den unterschiedlichsten Bereichen zu den öffentli­chen Vorträgen und rund 1500 Personen nahmen an den so genannten Biografie-Runden zwischen Ost- und Westdeutschen teil. Man kam, um zu reden, zuzu­hören, nachzudenken, zu diskutieren, aber auch um sich zu erholen. Zwei Bundespräsidenten waren schon zu Gast,  zuletzt Horst Köhler Anfang Mai dieses Jahres. Zusammen mit Bundesminister a.D. Egon Bahr hielt er einen Vortrag zu dem Thema „Wandel durch Bür­gerengagement“. Axel Schmidt-Gödelitz erhielt bei dieser Gelegenheit das Bundes­verdienstkreuz am Bande.

Auch wir gestalteten, moderiert von Axel Schmidt-Gödelitz, eine Biografie-Runde mit den  Schwerpunkten Werte-Erhalt und Werte-Vermittlung, Lebenslauf im geteilten Deutsch­land sowie Gedanken zu Gesellschaft heute und morgen. Wir haben dabei viel voneinan­der und übereinander erfahren - Persönliches, Berührendes, Nachdenkliches, Lustiges. Wir waren der Meinung, dass wir uns dafür einsetzen sollten, die Konsequenzen aus unseren Ge­schichten über den Augenblick hinaus für die nachfolgenden Generationen und die Zu­kunft zu bewahren.

Auch in den informellen Runden, zumeist im Freien unter den Schatten spendenden Bäu­men, aber auch bei Tisch, der uns immer auf "herrschaftliche Art" einlud, vertieften sich die Begegnungen. Die Hausherrin, Barbara Wagner, die Schwester von Axel Schmidt-Gödelitz, organisiert nicht nur vortrefflich das gesamte Landgästehaus, sie widmet sich den Gästen stets auch als eine charmante und liebenswerte Gastgeberin.

Das ost-west-forum hat inzwischen bundesweit einen guten Ruf erlangt und gilt als po­litisch engagiert, ohne einer Seite zugerechnet werden zu können. Axel Schmidt-Gödelitz: "Wir leisten uns die bestmöglichen Referenten, obwohl wir nur eine geringe Aufwandsentschädigung zah­len". Nach der anfänglichen Konzentration auf die innerdeutsche Einigung und ihre Folgen in den Biografie-Runden befasst man sich nun zunehmend mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen:

· Eine Werteakademie für junge Führungseliten ist im Entstehen mit dem Ziel, ein allgemein anerkanntes Wertegewissen in den jungen Führungseliten aus allen ge­sellschaftlichen und beruflichen Bereichen zu verankern.

· Es wurden weitere Biografie-Runden mit unserem Nachbarn POLEN initiiert und erstmals wurde sogar ein ost-west-forum an einer polnischen Universität abgehalten.

· Ebenfalls ganz neu, nämlich erst im Herbst 2009 aus der Taufe gehoben, sind die Deutsch-Türkischen Biografie-Gespräche, die nach Gödelitzer Modell in allen Bal­lungsräumen Deutschlands stattfinden sollen. Schirmherrin dieses deutschlandweiten Projekts ist die ehemalige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth. Die türkischen und deutschen ModeratorInnen und Moderatoren werden auf dem Gut ausgebildet werden.

Der Ausflug nach Freiberg in Sachsen, eine von Darmstadts Partnerstädten, bildete den  Ab­schluss  unseres dreitägigen Aufenthalts. Von der Stadt Freiberg gesponsert, führte uns eine "mi­neralogische Weltreise" durch das Museum Terra Mineralia im Schloß Freudenstein sowie ein großer Rundgang zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Im Dom bewunderten wir vor allem die beiden noch spielbaren Silbermann-Orgeln und die berühmte "Goldene Pforte". Das an­schließende gemeinsame Abendessen im "Ratskeller" am Marktplatz war fröhlich und entspannt.

Angeregt durch den Besuch in Gut Gödelitz werden die Teilnehmer die Themen im Wintersemester 2010/11 an der Akademie 55plus weiterführen.Auch neue Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die sich für die Thematik interessieren, sind herzlich willkommen.

Elisabeth Stindl-Nemec

 
 

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