Akademie 55plus Darmstadt - Berichte 2018

Depressionen erkennen und bewältigen

Besonderheiten im Alter

Prof. Dr. Martin Hambrecht, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik im Agaplesion Elisabethenstift in Darmstadt zeigte in einer spannenden Präsentation im vollbesetzten Vortragssaal der Aka, wie depressive Störungen im Alter bewältigt werden können. Eine Depression bezeichnet ein Krankheitsbild, bei dem Betroffene über einen längeren Zeitraum unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität leiden.

Jede/r von uns kennt Phasen, in denen man vorübergehend traurig, niedergeschlagen oder einfach lustlos ist. Solche Phasen gehören in einem gewissen Rahmen zum Leben dazu. Halten die Beschwerden aber länger an, könnte es sich um eine Depression handeln.

Depressionen können jeden treffen, in jeder Altersgruppe, 10% der über 75jährigen leiden an einer depressiven Erkrankung, in Alten- und Pflegeheimen sogar 25% bis 40% der Bewohner/innen.

Medizinische Kriterien für die Diagnose Depression: Leitsymptome: Antriebs-und Interessenverlust, Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Der Antrieb ist oft so vermindert, dass die Betroffenen nur schwer Entscheidungen treffen können. zusätzliche Symptome: Ängste, Schlafstörungen, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Schwindel, Kopfschmerzen, Atemnot u.a. Auch starke Ängste und Reizbarkeit können begleitende Beschwerden bei einer Depression sein. Mindestdauer der Beschwerden 2 Wochen.

Eine leichte Depression wird bei 2-3 Symptomen diagnostiziert, eine mittlere bei 4 und eine schwere bei mehreren. Symptom einer schweren Depression sind auch Suizidgedanken.

Depressionen können sehr unterschiedlich verlaufen. Wie sich eine Depression im Einzelfall entwickelt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, so etwa von der Anzahl bisher erlebter depressiver Episoden, der Länge dieser Episoden und dem Schweregrad der Depression. Depressives Verhalten zeichnet sich durch Rückzug und Passivität aus, was wiederum zu negativen Rückmeldungen und zu Misserfolgen führt. Dies verstärkt das depressive Verhalten.

Depressionen können sich darüber hinaus in ganz unterschiedlichen Formen bemerkbar machen. Bei manchen Menschen tritt die depressive Episode zu bestimmten Jahreszeiten auf (Winterdepression). Bei Verdacht auf eine Depression sind zur Diagnose ausführliche Gespräche unerlässlich, ergänzt durch Fragebögen, Blutuntersuchungen, bildgebende Verfahren. 

Frühere Depressionen, anhaltende depressive Verstimmungen, Morgentief, Fehlen von Orientierungsstörung, Rückgang bei Behandlung sprechen für eine Depression im Alter. Besonderheiten der Depression im Alter: körperliche Beschwerden führen zum Arztkontakt (larvierte Depression), kognitive Einschränkungen können das Erkennen erschweren. Es besteht ein erhöhtes Risiko, körperlich zu erkranken und ein hohes Wiedererkrankungsrisiko.

Viele Ursachen spielen bei einer Depression zusammen: Erziehung, Umwelt, Gene, Persönlichkeit, Denkmuster, belastende Lebensereignisse, dauerhafte Arbeitsbelastung, Mangel an Freundschaften. Mögliche Auslöser einer Depression können z.B. lang andauernde Überforderungen / Stress im Berufsleben sein, aber auch Arbeitslosigkeit, Beziehungsprobleme, Tod eines nahestehenden Menschen.

Bei Depressionen ist der Hirnstoffwechsel verändert: Dabei sind verschiedene Botenstoffe im Gehirn aus der Balance geraten, insbesondere die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Die auch als Neurotransmitter bezeichneten Botenstoffe spielen bei der Entstehung und Regulation von Gefühlen eine wichtige Rolle. Hier setzt die medikamentöse Therapie an.

In den meisten Fällen lassen sich Depressionen gut behandeln. Neben der medikamentösen Therapie kann auch eine Psychotherapie dazu beitragen, die Erkrankung zu überwinden. Die psychotherapeutische Behandlung hat unter anderem zum Ziel, depressive Verhaltensweisen und Denkstrukturen abzubauen und durch positive zu ersetzen. Bei der medikamentösen Behandlung einer Depression sind sogenannte Antidepressiva besonders wichtig. Diese Medikamente beeinflussen auf unterschiedliche Weise das Gleichgewicht der Hirnbotenstoffe. Der Referent betonte, dass Antidepressiva nicht die Persönlichkeit verändern und auch nicht abhängig machen.

Daneben stehen noch weitere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, so etwa biologische Verfahren, Soziotherapie, Entspannungsverfahren, Lichttherapie, Bewegungstherapie, Kreativtherapie. Eine Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die behandelt werden muss. In der Regel wird die Therapie ambulant durchgeführt, ein stationärer Aufenthalt ist nur bei akuten Lebenskrisen/Suizidgefahr erforderlich.

Nach dem lebendigen Vortrag zeugten im Anschluss zahlreiche Fragen von großem Interesse an dem teilweise immer noch tabuisierten Thema. Es ging es u.a. darum, wie und wo man adäquate Hilfe bekommt. Nach Möglichkeit sollte der Hausarzt/die Hausärztin immer die erste Anlaufstelle sein, so Prof. Hambrecht. Zudem gibt es viele ambulante Hilfsangebote in Darmstadt. Aufgrund der hohen Nachfrage sind Ersttermine bei psychiatrischen und neurologischen Arztpraxen jedoch oft erst nach längerer Wartezeit zu bekommen. Beratung und Hilfe findet man beim gemeinnützigen Verein "Darmstädter Bündnis gegen Depression e.V." Daneben gibt es Beratungsstellen für bestimmte Fragestellungen.

Sigrid Geisen