Akademie 55plus Darmstadt - Berichte 2022

„Mein Hessenland blühe“

Wer mit „Riwwelmaddhes“ Günter Körner in Darmstadt unterwegs ist, kann sich auf drei Bestandteile seiner Führung garantiert verlassen: Profundes Wissen, den sowohl kritischen als auch liebevollen Blick des geborenen Heiners auf seine Stadt und last but not least allerlei mundartliche Beiträge zum amourösen Leben und Treiben des hessischen Hochadels und seiner Entourage. 30 Aka-Mitglieder dankten ...

am 11. Oktober dem „Watzunger“ für eine kurzweilige Führung über die Mathildenhöhe mit anhaltendem Beifall.

Los ging’s am Darmstädter Wahrzeichen, dem Hochzeitsturm. Inzwischen ist er so beliebt für Eheschließungen rund um den Woog, dass der Panoramablick vom obersten Stockwerk für interessierte Besucher während der Woche nur noch am späteren Nachmittag möglich ist. 1908 wurde er vom berühmtesten Darmstädter Jugendstilkünstler, Josef Maria Olbrich, errichtet, als standesgemäßes Symbol der Hochzeit von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen mit der Prinzessin Eleonore zu Solms-Hohensolms. Schon in der Eingangshalle dürfte sich beim Anblick der Riesenmosaike von F.W. Kleukens „Der Kuss“ und „Die Treue“ bei manchem Brautpaar eine leichte Verwirrung angesichts dieser optischen Vorgaben einstellen. Bisher aber sind alle Heiratswilligen heil und frisch vermählt wieder heruntergekommen.

Apropos Olbrich. Ein genialischer Künstler, aber ein dominanter Zeitgenosse, wie Günter Körner verkündete. Die meisten Künstler ergriffen denn auch schnell wieder die Flucht und zogen weg aus ihren zuvor geschaffenen Jugendstilhäusern. Letztere sind zum Glück aber bis heute zu sehen, weshalb sich die Stadt große Hoffnungen auf den Unesco-Weltkulturerbe-Status macht. Übrigens sind auch die anderen Jugendstilkünstler nicht vergessen. Peter Behrens, Paul Bürck, Rudolf Bosselt, Hans Christiansen, Albin Müller und Ludwig Habich z.B. - die Namen sind weiterhin präsent.

„Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst“ hatte Ernst Ludwig als Motto ausgegeben. Die Verbindung von Kunst und Handwerk sollte eine Belebung für sein Land sein. Und so kam es, dass Darmstadt zu dieser Zeit allein sieben Möbelfabriken hatte. Der Jugendstil wurde bekannt, allein vier Ausstellungen würdigten ihn in den Jahren 1901, 1904, 1908 und 1914. Wobei das Wort mehr als eine Kunstrichtung bedeutet: Alle Facetten des Lebens sollte er beinhalten. Und so entwickelte sich allmählich eine neue Bewegung, die sich von gesellschaftlichen Zwängen befreien und im Einklang mit der Natur leben wollte. Einen Vorgeschmack bekam die Öffentlichkeit bei der „Weihefeier“ zur Eröffnung der allerersten Ausstellung, als weißgekleidete Jungfrauen dekorativ hügelaufwärts standen. Da, wo neulich fast das Museum Sander gebaut werden sollte. (Darauf gab’s einen kleinen Seitenhieb).
Die herrlichen Zeiten waren aber 1919 unwiderruflich vorbei, als der Großherzog abdanken musste und die Künstlerkolonie sich allmählich auflöste.

Ein weiteres Kleinod hingegen hat seine ursprüngliche Bedeutung bewahrt: Die Russische Kapelle mit ihrer weithin leuchtenden goldenen Kuppel ist nun schon über 100 Jahre Gotteshaus für die russisch-orthodoxe Gemeinde. Errichtet wurde sie ab 1897 vom Petersburger Architekten Leon Benois. Auftraggeber war Zar Nikolaus II., der die Darmstädter Prinzessin Alexandra von Hessen – Darmstadt geehelicht hatte. Um bei den heimischen Besuchen ordentlich beten zu können, hatte man sogar original russische Erde an den Woog karren lassen.

Es gibt noch mehr zu sehen rund um die Mathildenhöhe. Zum Beispiel den Platanenhain, der nicht nur für Boulespieler aller Güteklassen (auch die der Aka) ein Zufluchtsort ist, sondern vor allem auch für Kunstinteressierte (Hötger-Reliefs). Zum Beispiel gut erhaltene Jugendstilhäuser in den umliegenden Straßen. Zum Beispiel die Rosenhöhe mit ihrem Löwenportal.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist: Der „Förderverein Hochzeitsturm“, dem auch Günter Körner angehört, hat einige Flyer zu den vielen Kostbarkeiten herausgebracht. Man findet sie gleich links neben dem Eingang zum Hochzeitsturm und kann sie an der Kasse bezahlen. Eine gute Möglichkeit, sich die Zeit bis zur nächsten Riwwelmaddhes-Führung zu vertreiben.
hb