Akademie 55plus Darmstadt - Berichte 2017

Auf jüdischen Spuren in Frankfurt

Egal, wohin man sich in Frankfurt wendet, überall stößt die äußerst interessierte Akagruppe mit ihrem Kursleiter Erwin Fendrich auf bekannte jüdische Namen aus Wirtschaft, Politik, Kunst und Wissenschaft. Überall in der turbulenten Stadt finden sich Spuren, seien es die berühmten Bilder von Philipp Veit im Römer oder die Rothschildportraits von Moritz Daniel Oppenheim, die uns die versierte Stadtführerin Edith Dörken auf dem sehr lebendigen, aber auch lauten Römerberg vorstellt. Beeindruckend auch die Fenster der alten Nikolaikirche von Lina von Schauroth.

Die erste urkundliche Erwähnung von Frankfurter Juden geht auf die Mitte des 12. Jahrhunderts zurück. Die Jüdische Gemeinde wird 1241 erstmals Opfer eines Pogroms, 1349 folgt ein weiteres Pogrom. Neben einer räumlichen Abtrennung (Judengasse) kommen wirtschaftliche, rechtliche, soziale und kulturelle Beschränkungen hinzu. Die Französische Revolution gilt als Auslöser für den jüdischen Emanzipationsprozess und endet 1864 mit der umfassenden rechtlichen Gleichstellung der Juden in Frankreich.

Die 1848 in Frankfurt erarbeitete Verfassung der Nationalversammlung sah eine vollkommene rechtliche Gleichstellung der Juden vor. Den Rückschlag erlitt die Emanzipation hier schon allein aufgrund der Tatsache, dass diese Verfassung nie in Kraft trat. In der Paulskirche erfuhren wir von der jüdischen Beteiligung im Vorparlament und von bedeutenden jüdischen Parlamentariern wie Dr. Gabriel Riesser. Er widmete sich insbesondere Verfassungsfragen und erwarb sich schnell einen exzellenten Ruf, vor allem mit seiner Kaiserrede, in der er für die kleindeutsche Lösung warb. Er wurde erster jüdischer Richter im Deutschen Kaiserreich.

In der Weimarer Republik prägten zahlreiche Persönlichkeiten das Stadtbild: 1924 wird Ludwig Landmann, ein Demokrat jüdischer Herkunft, Oberbürgermeister. Mit Ernst May und Bruno Asch setzte er sich für „Das Neue Frankfurt“ ein und ließ u.a. 15.500 Wohnungen bauen. Gleichzeitig hetzte die NSDAP gegen Frankfurt als „Stadt der Rothschilds“. 1933 lebten über 26.000 Juden in Frankfurt, die Stadt hatte damit den größten jüdischen Bevölkerungsanteil unter den deutschen Großstädten. 1945 leben nur noch 160 in der Stadt, annähernd 12.000 Juden sind deportiert worden, alle Übrigen konnten fliehen.

In einem Kellerraum der Großmarkthalle, die als Teil des „Neuen Frankfurts“ für Aufbruch und Fortschritt stand, wurden zwischen 1941 und 1945 insgesamt fast 10 000 Juden von den Nazis zusammengetrieben. Auf Matratzen mussten sie ausharren, bis sie mit Zügen in Ghettos oder Vernichtungslager im Osten gebracht wurden. Von den Teilnehmern der ersten Transporte hat kaum einer das Kriegsende überlebt.

Nach der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten wurde die Jüdische Gemeinde 1949 in der Mainmetropole neu gegründet und zählt heute knapp 7.200 Mitglieder. Sie ist wieder fest in der Stadt verankert.

Text: Sigrid Geisen / Foto: Ingrid Scheffler