Oder: Was hat Führungsqualität mit der Antarktis-Expedition von Sir Ernest Shackleton zu tun?
„Ich entführe Sie in eine kalte Welt“, warnte Professorin Dr. Marlies W. Fröse bei der Einstimmung auf ihren Vortrag über Führungsqualitäten unter extremen Bedingungen. Die Geistes- und Sozialwissenschaftlerin berät Führungskräfte bei Organisationsentwicklung und Konfliktmanagement und erklärte den Aka-Mitgliedern mit einer Powerpointpräsentation, wie der zum Führungsmythos gewordene Ire Sir Ernest Shackleton (1874 – 1922) eine Extremsituation gemeistert hat.
Er war mit seiner Mannschaft im März 1914 zu einer Erkundung der Antarktis aufgebrochen: Diese Expedition war jedoch nur eine von etwa 60, die während des „goldenen Polarzeitalters“ boomten. Sie ging allerdings als erfolgreicher Fehlschlag in die Geschichte der Eroberer ein. Als sein Schiff Endurance im Packeis steckenblieb, 1200 Kilometer von der Zivilisation entfernt, gelang es Shackleton, seine aus zehn Wissenschaftlern und siebzehn Seeleuten bestehende Mannschaft zum Durchhalten in arktischer Kälte anzuspornen und ihre Rettung 1917 durch eine abenteuerliche Aktion zu ermöglichen. Gelobt wurden seine wertschätzende Art im Umgang mit seinen Leuten und seine hohe emotionale und soziale Intelligenz – war sie möglicherweise durch seine acht Schwestern, mit denen er aufgewachsen war, gefördert worden? Es hieß, er habe seine Männer geliebt und verwöhnt, soweit dies möglich war und ihnen immer wieder Mut gemacht. Schon bei ihrer Auswahl legte er Wert darauf, dass die Bewerber kreativ waren und tanzen, singen oder dichten konnten. Fähigkeiten, die in der Eiswüste halfen, die gedrückte Stimmung zu heben. Heute würde man sagen: Das war Erlebnispädagogik. Shackleton starb 1922. Seine Methoden wurden ab 1950 zum Inhalt betriebswirtschaftlicher Seminare in englischen und amerikanischen Universitäten.
Ist Shackletons Verhalten heute noch hilfreich? Marlies W. Fröse relativierte seine Verklärung zum Helden. Die Erzählungen über ihn sollten Sinn, Perspektive und Identität schaffen, doch seine Erfolge seien nicht wiederholbar. Er war ein Held seiner Zeit. Heute werde mit Extremsituationen anders umgegangen. Astronauten zum Beispiel würden auf die Enge, Depression und Isolation in der Weltraumkapsel gründlich vorbereitet. Über die psychischen Herausforderungen wisse man heute viel mehr als früher.
Ihr Fazit: Führung sei per se nicht gut, vielmehr schweiße das gemeinsame Handeln zusammen. Vereinfachende Interpretationen von Shackletons in Briefen und Dokumenten überliefertes Leadership seien in unserer komplexen, komplizierten Welt nicht mehr zielführend. Die eigentlichen Hard Skills seien jedoch die Soft skills. Aber um sie zu erlernen, brauche es Zeit und Ruhe – und keine kurzfristigen Führungsevents unter Extrembedingungen, wie sie von einigen Veranstaltern angeboten werden. Zu denken gaben dem Publikum die Ergebnisse einer Untersuchung über Führungspersönlichkeiten. Daraus geht hervor, dass 30 Prozent der Führenden Psychopaten, Egomanen und Narzissten sind. Ihr Anteil in der Bevölkerung liegt bei 5 Prozent.
Petra Neumann-Prystaj




